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Davor und Danach

Wenn man ein Kind verliert wird einem der Boden unter den Füssen weggerissen. Ein Abgrund tut sich auf und man befindet sich im freien Fall. All die wunderschönen Pläne, Bilder und Träume von der gemeinsamen Zukunft mit dem Kind ziehen an einem vorbei und zerplatzen wie Seifenblasen. Man landet in dieser tiefen, dunklen Leere und der Schmerz ist so unerträglich, dass er einem die Luft zum Atmen nimmt. Der Bauch ist leer, das Herz voller Liebe und Sehnsucht und doch bleiben die Arme einsam. Erst jetzt versteht man die Bedeutung der Aussage «Das Herz ist schwer» in seiner vollen Tragweite. Der Verstand kann nicht fassen, dass das Leben, das bis eben noch in einem war, einfach nicht mehr da sein soll. Wie auch? Es trifft doch eigentlich immer die anderen. Nicht mich. Nicht mein Kind. Man wartet vergebens auf den Moment in dem der Wecker klingelt und das alles nur ein verdammt mieser Traum war. Aber es ist kein Traum. Es ist tatsächlich passiert. Mir. Meinem Kind.
Und trotz, dass die Realität einem immer wieder so derb ins Gesicht schlägt, bleibt der Verstand zurück, kratzt sich am Kopf und denkt: «Nein… das muss ein schlechter Scherz sein.»
In einer solchen Situation geht es nur noch ums Überleben, ums Funktionieren. Alles andere hat keinen Platz. Es ist so verlockend an diesem finsteren Ort zu bleiben, sich zurück zu ziehen, alles und jeden aus seinem Leben zu sperren, in der Hoffnung irgendwann einfach nichts mehr zu spüren. Und es ist nur verständlich. Wie soll ein Mensch das auch ertragen?

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Für die Hinterbliebenen hat eine eigene Zeitrechnung begonnen. Es gibt nur noch das Davor und das Danach. Man sehnt sich schrecklich zurück ins glückliche Davor. Zurück in die unbeschwerte Zweisamkeit mit dem Kind im Bauch und die grosse Vorfreude auf die gemeinsame Zukunft. Aber es gibt keinen Weg dahin zurück. Das ist die schmerzhafte Realität. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Man befindet sich ausweglos im Danach. Und dort ist alles irgendwie surreal. Die eigene Zeit ist stehen geblieben, während sich alles um einen herum einfach weiterbewegt. Es ist als würden alle auf diesem wunderschönen Karussell des Lebens sitzen, während man selbst vom Karussell herunter geworfen wurde. Es tut weh, man liegt am Boden, ist wütend auf das Karussell und führt einen inneren Kampf, ob man versuchen sollte wieder aufzusteigen oder einfach liegen bleibt. Liegen bleiben fühlt sich so viel einfacher an. Wieder aufsteigen würde bedeuten sich mit dem Geschehenen auseinander zu setzen, sich den Fragen der anderen stellen, sich eine neue Normalität aufbauen, Schmerz zulassen und ertragen lernen. Weitermachen ohne das verlorene Kind zu vergessen, es zu integrieren ohne es zum Mittelpunkt zu machen. Täglich aufs Neue mit dem Verlust konfrontiert werden. Schwangere oder Mamas mit ihren gesunden Neugeborenen sehen. Sich für sie freuen und doch so neidisch sein. Wie soll man das alleine nur schaffen? Wow, sieht liegen bleiben auf einmal angenehm aus…
Und plötzlich wird das Karussell kurz langsamer, eine Hand streckt sich einem entgegen, hilft einem hinauf und lässt einen ein Stückchen mitfahren. Es ist eine Einladung wieder an diesem Leben teilzuhaben, das Schöne zu geniessen und sich ein neues Pferd auszusuchen.  Die eigene Trauer ist etwas sehr einsames, das Leben ist es aber nicht. Es gibt immer Menschen – Freunde, Familie, Kollegen, Ärzte, Therapeuten – die da sind, zuhören, einen auffangen, zum Weitermachen animieren und einem in diesen einsamen Stunden nicht von der Seite weichen. Man hat nur zwei Möglichkeiten: man kann sitzen bleiben oder die Hände annehmen, die sich einem entgegen strecken. Bis man es irgendwann wieder alleine auf das Karussell schafft und sich halten kann.

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