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Sag nicht, sag lieber

Sag nicht, sag lieber – Hilfe im Umgang mit trauernden Eltern

Wenn man hochschwanger ist und kurz vor dem Entbindungstermin steht, bekommen das im Normalfall sehr viele Menschen im persönlichen Umfeld mit. Einen grossen, runden Schwangerschaftsbauch kann man nun mal schlecht verstecken. So wartet nicht nur der Freundeskreis und die Familie auf DIE “frohe Botschaft”, sondern auch das gesamte Umfeld, in dem man sich bewegt – sei es die Nachbarschaft, die Arbeitsstelle, Schule, Kindergarten, Spielgruppe etc.

Als Lennis starb, wusste ich, dass ich nun verdammt vielen Menschen freiwillig, aber auch unfreiwillig, von unserem Verlust erzählen musste. Denn die Fragen würden früher oder später kommen.
Ich hatte keine Ahnung wie die Reaktionen ausfallen würden. Ich wusste ja selber gar nicht, wie ich das alles in Worte fassen sollte. Wie sollten das dann die anderen?
Zum Glück kann ich sagen, dass wirklich alle in meinem Umfeld so wunderbar reagiert haben. Selbst Menschen, die mich vorher nicht kannten. Jeder hat auf seine Art und Weise versucht mich zu trösten und ich bin dafür unglaublich dankbar. Dabei habe ich aber auch immer wieder Phrasen gehört, die absolut tröstend und gut gemeint waren. Aber hin und wieder bewirkten sie eben genau das Gegenteil und fühlten sich eher an wie ein Schlag ins Gesicht. Es gibt eine grosse Diskrepanz, zwischen guter Intention und dem, was tatsächlich kommuniziert wird. Mir ist das auch erst bewusst geworden nachdem ich Lennis verloren habe. Ich habe vorher eben jene Phrasen genauso benutzt, in der Annahme, sie würden mein Gegenüber trösten. Es sind Sätze, die man gelernt hat, von Eltern, Grosseltern, im Fernsehen oder anderswo. Unsere heutige Gesellschaft trauert nicht mehr richtig. Wir versuchen viel zu oft Probleme unter den Tisch zu kehren, abzulenken, schnellstmöglich weiterzumachen und nur nicht verletzbar zu wirken. Das alles hilft aber nicht. Trauernde möchten und sollten ihren Schmerz anerkennen und wirken lassen. Nur so gelingt Heilung.

Hier meine 10 Sag nicht – sag lieber

  1. Sag nicht: “Du bist noch jung, du kannst noch mehr Kinder haben.” – Diese Aussage ist auf verschiedenen Ebenen sehr schmerzhaft für Sterneneltern. Zum einen ist es völlig egal, ob unsere biologische Uhr tickt oder nicht. Man kann nie wissen, wie lange ein Paar gebraucht hat, bis dieses verlorene Kind überhaupt entstanden ist. Sei dir bewusst, dass nicht jede Mutter rein körperlich nochmal in der Lage sein wird, ein Kind zu bekommen. Zum anderen hat eine verwaiste Mama, so gerne sie noch ein weiteres Kind haben möchte, doch auch sofort ein schlechtes Gewissen dem verstorbenen Kind gegenüber. Es wird nie einen Ersatz für dieses Kind geben und die Sehnsucht nach genau diesem verlorenen Kind wird IMMER bleiben. Sag lieber folgendes: “Ich würde alles tun um dir etwas von dieser schweren Last abzunehmen. Es tut mir so leid, dass ich es nicht kann. Ich fühle mit dir.”
  2. Sag nicht: “Die Zeit heilt alle Wunden.” – Ach, wäre das nicht wundervoll? Aber soweit ich das bis jetzt sehen konnte, hat die Zeit leider noch keine magischen Heilungskräfte.
    Zeit kann helfen den grossen Schmerz des Verlustes zu mildern und zu verändern. Aber Zeit alleine kann nicht heilen. Es sind viel eher die Massnahmen, die man ergreift um Heilung zu erfahren. Und manchmal gibt es einfach Wunden, die werden niemals verheilen, ganz egal wie viel Zeit vergeht. Vielleicht wird mit der Zeit etwas Schorf darüber wachsen, aber es reicht ein kleiner Kratzer, um alles wieder aufzureissen. Der Verlust eines Kindes ist eine Wunde, die nie vollständig verheilen wird. Ein Leben ohne das eigene Kind zu leben, hinterlässt eine Wunde, die immer bluten wird. Ganz egal wie viele Pflaster wir drüber kleben. Sag lieber folgendes: “Was würde dir jetzt gerade helfen? Gibt es irgendetwas, das ich heute für dich tun kann? Ich bin bei dir, wann immer du mich brauchst.” 
  3. Sag nicht: “Wenigstens hast du schon ein Kind.” – Ja, das habe ich. Aber soll das bedeuten, das mein lebendes Kind diesen Verlust kompensiert? Das kann es gar nicht und das ist auch nicht seine Aufgabe. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich ein gesundes Kind habe, aber mein Sternenkind fehlt mir trotzdem. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Es vergeht kaum ein Moment, in dem ich nicht daran denke, dass eigentlich noch ein Baby in meinen Armen liegen sollte. Sag lieber folgendes: “Es tut mir so leid. Was hilft dir ihm nahe zu sein? Erzähl mir von ihm wenn du möchtest. Ich bin hier und höre dir zu.” 
  4. Sag nicht: “Wenigstens…”  – Starte niemals, wirklich niemals einen Satz mit “wenigstens”, wenn du Eltern, die ihr Kind verloren haben, trösten möchtest.
    “Wenigstens musste sie nicht leiden.
    “Er so früh gestorben, so konntest du wenigstens noch keine Bindung eingehen.” 
    “Wenigstens hast du es schon sehr früh verloren.
    Wenn man ein Kind verliert, gibt es kein “wenigstens”. Niemals. Zu keiner Zeit. Vergleiche funktionieren hier nicht. Ganz egal wie alt, jung, krank, gesund, gross oder klein ein Kind ist – der Verlust tut IMMER weh. Sag lieber folgendes: “Er/sie fehlt mir auch. Ich wünschte dein Kind wäre bei uns. Erzähl mir von deiner schönsten Erinnerung.” 
  5. Sag nicht: “Du musst jetzt stark sein für dein lebendes Kind.” – Erinnere niemals verwaiste Eltern daran, dass ihr lebendes Kind sie jetzt braucht. Es ist uns absolut bewusst. Sei dir da sicher. Mein 2-jähriger Sohn war der einzige Grund, das ich jeden Morgen aufgestanden bin, mir die Jacke zugeknöpft habe und aus dem Haus gegangen bin. Zu mehr war ich aber Anfangs auch nicht fähig und ich habe mich ungeheuer schlecht gefühlt deswegen. Es hat Wochen gedauert, bis ich die Anwesenheit meines Sohn wieder voll geniessen und schätzen konnte. Sag lieber folgendes: “Es muss so schwer sein für xy sorgen. Wenn du möchtest unternehme ich etwas mit ihm/ihr, damit du dich etwas ausruhen kannst?”
     
  6.  Sag nicht: “Er ist jetzt an einem besseren Ort.” – Ist das so? Welcher Ort ist schöner für ein Baby, als die Arme seiner Mutter? Was würde ich dafür geben mein Baby wieder bei mir zu haben. Bitte sag so etwas nicht, vor allem nicht, wenn du nicht weisst, ob die Person religiös ist oder nicht. Und selbst religiöse Menschen können ihren Glauben durch einen solchen Verlust in Frage stellen. Sag lieber folgendes: “Es tut mir so leid für dich und dein Kind. Wenn du möchtest komme ich heute zu dir und helfe dir im Haushalt. Und wenn dir nach Reden ist, dann bin ich da und höre dir zu.” 
  7.  Sag nicht: “Alles passiert aus einem bestimmten Grund.” – Nein. Falsch. Manchmal passieren die furchtbarsten, grausamsten Dinge den wunderbarsten, grossherzigsten Menschen auf dieser Erde. Und manchmal machen Dinge im Leben keinen Sinn. Manchmal gibt es einfach keine logische Erklärung. Ich kann verstehen, dass wir alle versuchen, in etwas so Sinnlosem wie dem Tod eines Kindes, einen Sinn zu finden. Aber seien wir doch mal ehrlich: Ein solches Ereignis macht einfach keinen verdammten Sinn. Kinder sollten NIEMALS von ihren Eltern beerdigt werden. Wir alle wünschen uns diese Welt sicher und vorhersehbar und das Wort “Kindsverlust” hält uns allen vor Augen, wie fragil unser Leben eigentlich ist. Einer Sternenmama zu begegnen, wird deine heile Welt zum wanken bringen und dein Herz wird vielleicht auch ein wenig brechen – vielleicht sogar mehr. Und das ist gut so. Lass es geschehen. Nur wenn wir unser Herz öffnen und den Schmerz herein lassen, können wir wirklich empathisch sein und Beistand leisten. Sag lieber folgendes: “Es tut mir so leid. Es ist einfach nicht fair. Diesen Schmerz hast du nicht verdient. Es bricht mir das Herz dich so leiden zu sehen. Das ist absoluter Mist.” 
  8. Sag nicht: “Ich weiss wie du dich fühlst. Ich hatte auch eine Fehlgeburt.” – Anstatt deine eigene Geschichte zu teilen, lass diesen Moment den trauernden Eltern. Lenke nicht von ihren Gefühlen und ihrem Verlust ab. Es kann schmerzhaft sein wenn jemand versucht den Verlust zu vergleichen. Ein Kind zu verlieren ist eine ganz individuelle, einzigartige Erfahrung. Es gibt keine gleiche Geschichte, da jeder mit Trauer anders umgeht. Teile deine Erfahrungen nur wenn man dich darum bittet. Ansonsten höre einfach nur zu und sei da. Sag lieber folgendes: “Ich bin mir nicht sicher, ob du es weisst, aber ich habe auch ein Kind verloren und kann gerne meine Erfahrungen mit dir teilen. Viel lieber würde ich aber gerne deine Geschichte hören und wie du mit deiner Trauer umgehst.” 
  9.  Sag nicht: “Du bist so stark. Ich weiss gar nicht wie du das schaffst.” – Ich weiss nie was ich darauf antworten soll. Ganz ehrlich, ich weiss selber nicht wie ich es schaffe. Es ist ja nicht so als hätte ich viele Optionen. Was sollte ich auch sonst machen? Wir lernen damit zu leben. Bauen uns eine “neue Normalität” auf. Und an schwierigen Tagen, wenn die Last so schwer ist, dass man einfach liegen bleiben möchte, sind wir einfach nur froh, wenn wir diesen Tag überlebt haben. Sag lieber folgendes: “Was tust du um deinen Verlust zu verarbeiten? Kann ich dich in irgendeiner Form dabei unterstützen?” 
  10. Sag nicht: “…………………………………………….” – Ich kann damit umgehen, wenn jemand ganz offen und ehrlich sagt: “Ich weiss nicht was ich sagen soll.” oder “Ich habe Angst dir zu Nahe zu treten.”. Aber womit ich überhaupt nicht umgehen kann ist Ignoranz. Ich kann mich an jede Situation erinnern, in der ich von jemandem Trost erfahren habe. Und ich kann mich genau so gut an das unkomfortable Schweigen, die unsicheren Blicke oder das pure “nicht darüber sprechen wollen” erinnern und wie unverstanden ich mich dabei gefühlt habe. Mir ist es lieber es riskiert jemand ein falsches Wort, als es gar nicht erst zu versuchen. Als Mama eines Sternenkindes möchte ich, dass man meinen Verlust anerkennt, dass man mein Kind würdigt, es beim Namen nennt und ihm einen Platz in dieser Welt gibt, auch wenn er physisch nicht mehr anwesend ist. Seid mutig. Wir sind uns der dunklen Wolken über unseren Köpfen sehr bewusst. Auch, dass ein Gespräch mit uns schmerzhaft und unbequem sein kann. Aber wir sind jedem, der den Schritt wagt, auch so unglaublich dankbar. Sag lieber folgendes: “Ich habe gehört was passiert ist. Es tut mir so leid. Möchtest du darüber reden?”

Was zählt wirklich?

Ganz ehrlich, es gibt keine magischen Worte, die den Schmerz verschwinden lassen. Sei einfach da. Hör zu. Drücke deine Anteilnahme aus. Ich bin jedem unendlich dankbar, der den Mut aufbringt auf mich zu zugehen, der meinen Schmerz aushalten kann und mich auf meinem Weg ein Stück weit begleitet. Und manchmal reicht auch einfach nur eine Umarmung.

Im Januar 2019 entstand zu diesem Thema folgendes Videoprojekt:

 

6 Comments

  • Oriana

    Wie recht du hast…bei vielem kann ich dich und deine Gedanken sehr nachempfinden. Ich finde es erstaunlich, wie verklemmt unsere Gesellschaft mit diesem Thema (Kindstod oder auch Tod im allgemeinen) umgeht. Lieber ‘aufmuntern’ (was gibt es da aufzumuntern, bitteschön?) statt zuzuhören und sich den Ängsten und Verzweiflung zu stellen. Liebe Umarmung, Oriana

  • Claudia

    Liebe Franzi, ich bin über Urbia auf deine Seite gekommen und habe gleich alles eingesogen.

    Erst einmal möchte ich dir/euch meine herzliche Anteilnahme zum Verlust eures kleinen Lennis ausdrücken. Nichts, aber auch rein gar nichts, kann den Schmerz mindern, den ihr ertragen müsst. Man kann nur lernen, damit umzugehen und irgendwann wieder die Sonne in sein Leben zu lassen.

    Ich hätte mir gewünscht, dass mein Umfeld deine “Anleitung” vorher gelesen hätte. Wir haben unseren Sohn Lucas am 26.12.16 verloren, nachdem er in der 26. SSW viel zu früh auf die Welt kam und wir sieben Wochen um ihn gekämpft haben. Er war kerngesund, entwickelte sich zu diesem Zeitpunkt nach vielen Auf und Abs erstmals prächtig und ihm wurde letztlich eine akute Sepsis zum Verhängnis. Es traf uns wie ein Schlag!

    Das Schlimmste, was zu mir gesagt wurde, war: “Vielleicht war es ja besser so. Wer weiß, was für Probleme er später noch gehabt hätte.”. Warum soll der Tod besser sein, als eventuell später ein paar Entwicklungsverzögerungen bewältigen zu müssen? Wäre sein Leben etwa weniger Wert gewesen als das eines normal geborenen Babys?
    Nichts deutete darauf hin, dass Lucas später schwerwiegende Probleme erwartet hätte. Die Prognosen waren durchweg positiv. Ich weiß, dass es nicht abwertend gemeint war. Wahrscheinlich wusste der Betroffene einfach nur nicht, wie er mir seine Anteilnahme anders hätte ausdrücken sollen. Von daher nehme ich das nicht übel. Aber es tut trotzdem verdammt weh!

    Ich wünsche euch, dass euer Lennis in eurem Umfeld nie in Vergessenheit gerät und Verwandte, Freund und Außenstehende immer mal wieder den Mut finden, ihn beim Namen zu nennen und über ihn zu sprechen. Er war da, er hat euer Leben berührt und seinen Abdruck in euch hinterlassen.

    Fühl dich gedrückt, Claudia

    • franzi5385

      Liebe Claudia,
      Vielen Dank für deine Zeilen. Sie haben mich sehr berührt. Es tut mir auch so leid für euren schweren Verlust. Lucas hätte es verdient mit euch aufzuwachsen und die Welt zu entdecken. Es ist so traurig.
      Wenn du dir mal etwas von der Seele schreiben willst, bust du herzlich zu einen Gastblogeintrag eingeladen.
      Ich werd heut abend für Lucas eine Kerze mit anzünden. Ich denke an euch und drück dich ganz fest!
      LG Franzi

  • Laura

    Liebe Franzi

    Deine Worte, dein Blogg und einfach al das was du/ihr durchmachen musstet… mir fehlen die Worte.
    Und ich öffne mein Herz um ein bisschen von deinem Schmerz teilen zu können. Um dir mitzuteilen dass ich an euch denke!
    Danke für die Do’s & Dont’s…
    Euer Lennis wird immer einen Platz auf dieser Welt haben.
    Ich denke an euch!

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