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Rückblick auf Tag 0

Sad blonde woman crying with head on hands against trees and mou

Lennis ist an einem regnerischem Samstag Morgen zu den Sternen geflogen. Ich erinnere mich noch ganz genau wie unwirklich sich alles angefühlt hat. Nur wenige Stunden zuvor liege ich im Gebärsaal und veratme die Wehen. Eine Nachtschwester kommt noch herein und zeigt mir ein Neugeborenes, dessen Mama grad schläft, und meint “Das hast du auch bald in deinem Arm.” Ich freue mich im Wasser den Presswehen nachgeben zu dürfen, spüre aber auch bald eine leichte Anspannung im Raum. Dann höre ich noch die Oberärztin sagen “Notkaiserschnitt, Vollnarkose, keine Zeit zum Katheter legen.” und kämpfe mit den schnell aufeinander folgenden Presswehen auf dem Weg zum OP. Das nächste an das ich mich erinnere ist, dass ich langsam aufwache, während das Herz meines Baby’s wenige Meter neben mir grad aufhört zu schlagen.

Ich werde zurück in den Gebärsaal geschoben und warte bis mein Mann zu mir kommt. Seinen Gesichtsausdruck werde ich nie vergessen – Fassungslosigkeit, Unglauben, Schmerz, gemischt mit Sorge, Wut und dem Wissen, jetzt stark sein zu müssen. Er sagt mir ” Wir müssen hochgehen und uns verabschieden.”
Die menschliche Psyche ist ein Wunder, denn in solchen Situationen kann sie dicht machen. Ich verstehe genau was er gesagt hat. Es klingt total absurd. Sein Gesichtsausdruck sagt mir, dass er es Ernst meint. Aber emotional empfinde ich absolut nichts. Keine Freude, keine Trauer. Nur Taubheit. Wie in einer Wolke.
Ich werde mit dem Bett wieder zurück Richtung OP geschoben und habe das Gefühl, mir dabei zuzuschauen. Die weinende Hebamme und die schockierten Ärzte nehme ich gar nicht richtig war. Irgendjemand legt mir mein totes Baby auf die Brust. Ich weiss nicht mal wer. Es ist als würde ich nur im Umkreis von einem Meter scharf sehen und der Rest verschwimmt.
Lennis wirkt winzig. Er ist noch ganz warm und ich erinnere mich noch heute ganz genau an das zarte Gewicht auf meiner Brust. Ich streichle sein Gesicht, versuche ihn mir einzuprägen und die Situation zu erfassen. Aber gegen die Nachwirkungen der Narkose habe ich keine Chance. Ich habe keine Ahnung wie lange wir wirklich bei ihm waren. Es sind nur Bruchstücke meiner Erinnerung – aneinandergereiht, mit fehlenden Teilen dazwischen. Ich bin noch immer nicht in der Lage zu weinen und werde es auch den ganzen Tag nicht sein. Nicht wenn die Ärzte mir später versuchen zu erklären, was geschehen ist. Nicht wenn später am Tag die Polizei kommt und unsere Aussagen aufnimmt und auch nicht als ich anfange, die ersten Personen über den Tod meines Babys zu informieren. Mein limbisches System ist im Standby. Erst später am Abend fangen die Tränen an zu rollen. Von meinem Bett aus schaue ich über Richterswil, den Zürichsee und die Berge, während der Himmel mit mir weint …

4 Comments

  • Anonymous

    Liebe Franzi, mein Herz weint mit Dir, Deiner Familie und dem Himmel. Mein ganzer Körper weint. Meine Seele weint. Es ist unfassbar. ✨🕯

    Liebe, Wärme, Trost und Zuversicht wünsche ich Dir ❤️ und Menschen, die Dich auffangen und stützen.

  • Prinzessinn

    Liebe Franzi, ich sitze hier und lese deine Zeilen (bin via Swissmom auf deine Seite gestossen), Tränen kullern meine Wange hinunter. Euer Verlust tut mir unendlich leid. Es ist unfassbar und mir fehlen die Worte. Fühl dich gedrückt.

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