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Das Schicksal ist ein mieser Verräter

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Ein Kind zu verlieren verändert einen Menschen. Es stellt dein ganzes Leben auf den Kopf, bringt dein Weltbild ins wanken, lässt dich an deinem Charma zweifeln. Vielleicht lässt es dich spiritueller werden oder bringt dich sogar näher zu Gott. Man fängt an, die Dinge, die man hat, mehr zu schätzen. Begreift wie fragil das Leben ist und dass wir viel zu sehr in unserem täglichen Hamsterrad sinnlos umherrennen. Es erdet. Man kann das Hamsterrad mal von aussen betrachten und feststellen, dass wir so viel Zeit für Sinnloses verschwenden, anstatt sie den kostbaren Dingen in unserem Leben zuzuwenden.

Trauer hat aber auch andere Gesichter. Manchmal nervt das alles tierisch und macht wütend. Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Ich kann es nicht mehr leiden. Es hat mir eine schier unlösbare Aufgabe aufgebürdet. Eine Aufgabe, um die ich nicht gebeten habe. Es ist Mist, tut scheisse weh und ich bin wütend. Verdammt wütend, dass diesem kleinen, unschuldigen Jungen, ein schönes Leben auf Erden mit uns, vergönnt wurde. Es ist nicht fair. IT SUCKS!!!

Ich war immer ein durch und durch positiver Mensch. Selbst meinen Schwangerschaften bin ich unbeschwert und ohne Angst begegnet. Beinah naiv, mit einem steten Lächeln auf den Lippen. Der Verlust meines Kindes hat vieles in mir verändert. Ich habe meine Unbeschwertheit verloren. Mein Urvertrauen ist stark angeknackst. Die Chance war so gering und trotzdem hat es uns getroffen. Was wartet da sonst noch auf uns? Ich habe mehr Angst. Mache mir mehr Sorgen. Es kostet mich mehr Kraft und Konzentration, das Leben voll und ganz zu geniessen. Und wenn ich es dann doch mal geniesse, hab ich sofort ein schlechtes Gewissen. Hin und wieder stinkt mir das alles gewaltig. Ich lächle immer noch, aber ich habe das Gefühl, dass es nicht mehr so strahlt wie früher. Ich spüre wie die Schatten über mein Gesicht huschen.

Ich bin auch nicht mehr so gesellschaftsfähig wie ich es früher war. Mir ist als würde sich mein ganzes Universum nur noch um das Thema “Kindsverlust” drehen. Mir fallen selten andere Themen ein, über die ich gerne sprechen möchte. Ich kann schlechter zuhören. Drifte ab, wenn es um Themen gibt, die mich grad nicht interessieren. Vor allem in Gruppen. Ich kann mich schwer auf etwas länger konzentrieren. Fühle mich als würde ich ein Stück weiter Abseits sitzen. Wenn über triviale Dinge gesprochen wird, möchte ich am liebsten in den Raum schreien, dass ich mein Kind verloren habe. Keine Ahnung warum.
Wenn ich schwangere Frauen sehe, muss ich mich fest zusammenreissen, das ich nicht zu ihnen gehe und sage «Geniesse jeden verdammten Augenblick dieser Schwangerschaft und sage deinem Kind, dass du es liebst und du dich auf es freust. Denn ich habe es nicht getan. Ich dachte ich hätte danach Zeit. Aber die hatte ich nicht. Ich konnte meinem Kind nicht nochmal sagen, dass ich es liebe.» Aber wer macht so was schon. Es ist zum Glück noch genug Anstand übrig, der mich meine Worte schlucken lässt und mir ein halbes Lächeln aufs Gesicht pflastert. Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht für andere Schwangere freue. Das tue ich wirklich und ich hoffe von ganzen Herzen, dass alle gesunde Kinder auf die Welt bringen. Aber ich bin doch soooo neidisch. Neidisch auf ihre Vorfreude, auf die Tritte in ihrem Bauch und auf diese wundervolle Unbeschwertheit, die ich nie wieder haben werde.

Ich fühle mich oft egoistisch und selbstbezogen. Nerve mich selber daran, dass ich momentan kein anderes Thema im Leben habe. Aber es ist was es ist. Das macht Trauer mit einem. Ich kann nur auf Verständnis hoffen. Dafür, dass ich meinen Tellerrand noch nicht wieder erreicht habe, um darüber hinauszuschauen. Ich arbeite daran, habe aber auch Angst davor. Denn die Welt da draussen ist immer noch die gleiche. Meine ist es nicht mehr. Ich weiss noch nicht, wie die beiden wieder zusammenpassen werden. Es braucht Zeit. Ich brauche Zeit.

 

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