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Die ersten Tage zu Hause

Am Dienstag, den 9. Mai, durfte ich endlich nach Hause. Ich freute mich sehr wieder bei meinem grossen Sohn sein zu dürfen, aber es war auch ein Abschied ins Ungewisse. Und es fiel mir sehr schwer zu gehen. Im Spital fühlte ich mich sicher. Die Hebammen und Ärzte waren mir sehr ans Herz gewachsen und ich wusste, dass es vorerst keinen Grund geben würde, sie wieder zu sehen. Es war als endete die letzte Episode meiner Lieblingsserie, ohne das ich wusste, wie und wann es weitergeht.

Wir liefen die Flure entlang, die ich während der Schwangerschaft so oft in freudiger Erwartung entlang gekommen war. Gingen zum Parkplatz, auf dem ich so oft geparkt hatte. Immer in Vorfreude auf den nächsten Ultraschall. Ich hatte mir immer vorgestellt, wie wir dann mit Lennis das Krankenhaus verlassen und mit ihm ins Auto steigen würden. Die erste Fahrt nach Hause. So wie damals bei Finnley.
Nur war die Realität so anders. Wir hatten kein Baby bei uns. Wir stiegen mit leeren Händen ins Auto. Kein Babygeschrei auf dem Rücksitz. Kein nervöses “Fahr vorsichtig, Schatz!”. Wir nahmen Abschied von dem Ort, an dem unser Kind geboren wurde und gestorben war und ich fühlte mich dabei so leer. Wir schlossen das Kapitel Schwangerschaft und Geburt und es gab einfach kein nächstes Kapitel. 

Umso näher wir unserem zu Hause kamen, desto verletzlicher fühlte ich mich. Ich hatte meinen sicheren Hafen verlassen. Jetzt war ich draussen und ich hatte das Gefühl, jeder sah mich und würde sich wundern, was mit unserem Baby passiert ist. Ich wollte nur schnell in unsere Wohnung und niemandem dabei begegnen.
Ich weiss nicht, was ich erwartet hatte, aber mein Zuhause fühlte sich so überhaupt nicht mehr wie mein Zuhause an. Man denkt, man kommt in sein altes Leben zurück, aber das existiert so nicht mehr. Alles ist anders.
Meine Familie hatte fast alle Babysachen, Bettchen etc. weggeräumt. Und doch schrien mich die Lücken förmlich an. Jeder Winkel erinnerte mich plötzlich an Lennis. Ich habe mich immer gefragt, wie das überhaupt sein kann. Er war ja nie wirklich hier und doch hat er so viele Spuren hinterlassen. Ich habe in diesen ersten Tagen unheimlich viel geweint und wusste überhaupt nichts mit mir anzufangen. Egal wo ich hin ging, irgendwas erinnerte mich immer an Lennis. In der Küche fand ich den Fläschchenständer, mit all den Babyflaschen, die ich für Lennis vorbereitet hatte. Im Bad war noch das kleine Handtuch hinter der Tür, das ich schon mal dort hingehangen hatte. Im Kinderzimmer fand ich die kleine Still-Box, die ich vorbereitet hatte, gefüllt mit Nüssen, Wasser und etwas zum spielen für Finn. In meiner Spitaltasche fand Finnley dann plötzlich die Babynuckel, die ich für Lennis gekauft hatte, und legte sie mir freudig auf den Bauch. Genauso wie er es in den Wochen vor der Geburt auch getan hatte. Es brach mir das Herz gleich nochmal. Alles wirkte so sinnlos. Ich sah die 16 Wochen Mutterschaftsurlaub, auf die ich mich so gefreut hatte, vor mir und hatte keine Ahnung, was ich damit überhaupt anfangen sollte. Es gab ja kein Baby zu versorgen.

Zum Glück war meine Mama da, um sich um Finnley zu kümmern. Ich habe mich wirklich gezwungen so normal wie möglich mit ihm umzugehen, aber ich war nicht in der Lage mein eigenes Kind zu “geniessen”. Ich nahm ihn in den Arm, aber war mit den Gedanken bei Lennis. Es tat mir so leid und ich hatte so ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber. Er konnte die Lücke einfach nicht füllen. Lennis fehlte so sehr.
Nachts wachte ich immer noch regelmässig auf und fand keine Ruhe. Ich hielt oft meinen leeren Bauch und konnte einfach nicht verstehen, was passiert war.
Als ich eines Morgens das Gefühl hatte, keine Kraft zum Aufstehen zu haben, konnte ich zum ersten Mal Menschen mit Depressionen verstehen. Man spürt nur dunkle Wolken, die einen runter drücken. Und ich hatte keine Ahnung, wie ich wieder einen Tag überstehen sollte.
Ich habe versucht mich abzulenken. Wir haben im Internet nach Kinderurnen gesucht, haben die Aufbahrung organisiert, haben Hand-, Fuss- und Gesichtsabdrücke von Lennis Körper machen lassen, haben einen Gedenkplatz für ihn zu Hause geschaffen und versucht, so viele Erinnerungen wie möglich von ihm zu sammeln. Wir hatten immer wieder Besuch von Freunden oder von meiner Hebamme und ich war nie wirklich alleine. Mein Telefon stand selten still, da mir so viele liebe Freunde jeden Tag geschrieben haben und wissen wollten, wie es mir ging und wie ich den Tag überstanden habe. Ich bin ihnen heute so unendlich dankbar dafür.

Es hat einige Zeit gedauert, bis es zu Hause für mich langsam erträglicher wurde und ich mich wieder einigermassen wohlfühlte. Wir haben jetzt eine kleine Gedenkstelle für Lennis in unserem Wohnzimmer. Dort stehen Bilder von ihm, seine kleine Urne, das Tuch, in dem er aufgebahrt wurde und es brennt immer eine Kerze für ihn. Seit Lennis bei uns zu Hause ist, bin ich ruhiger geworden. Es war für mich kaum ertragbar, seinen kleinen Körper im Bestattungsinstitut zu wissen.
Wenn ich jetzt noch hin und wieder Nachts aufwache oder traurig bin, gehe ich ins Wohnzimmer zu “seinem” Schrank. Das warme Licht der Kerze wirkt so beruhigend und ich fühle mich Lennis nahe.

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