Ich habe letztes Jahr einen Beitrag geschrieben zum Thema: Was sagt man und was sagt man lieber nicht zu betroffenen Familien. Ich würde das hier gerne nochmal aufgreifen, da es perfekt zum heutigen Stichwort passt. Ich bin im letzten Jahr oft über gut gemeinte Ratschläge gestolpert, die mich aber letzten Endes eher verletzt haben als aufgebaut. Die folgenden 10 Do’s and Dont’s sollen Angehörigen, Freunden oder Kollegen helfen, die richtigen Worte zu finden und wirksam zu trösten.
- “Du bist noch jung, du kannst noch mehr Kinder haben.” – Diese Aussage ist auf verschiedenen Ebenen sehr schmerzhaft für Sterneneltern. Zum einen ist es völlig egal, ob unsere biologische Uhr tickt oder nicht. Man kann nie wissen, wie lange ein Paar gebraucht hat, bis dieses verlorene Kind überhaupt entstanden ist. Sei dir bewusst, dass nicht jede Mutter rein körperlich nochmal in der Lage sein wird, ein Kind zu bekommen. Zum anderen hat eine verwaiste Mama, so gerne sie noch ein weiteres Kind haben möchte, doch auch sofort ein schlechtes Gewissen dem verstorbenen Kind gegenüber. Es wird nie einen Ersatz für dieses Kind geben und die Sehnsucht nach genau diesem verlorenen Kind wird IMMER bleiben. Versuch lieber folgendes: “Ich würde alles tun um dir etwas von dieser schweren Last abzunehmen. Es tut mir so leid, dass ich es nicht kann. Ich fühle mit dir.”
- “Die Zeit heilt alle Wunden.” – Soweit ich das bis jetzt sehen konnte, hat die Zeit leider noch keine magischen Heilungskräfte. So schön das auch wäre.
Zeit kann helfen den grossen Schmerz des Verlustes zu mildern und zu verändern. Aber Zeit alleine kann nicht heilen. Es sind viel eher die Massnahmen, die man ergreift um Heilung zu erfahren. Und manchmal gibt es einfach Wunden, die werden niemals verheilen, ganz egal wie viel Zeit vergeht. Vielleicht wird mit der Zeit etwas Schorf darüber wachsen, aber es reicht ein kleiner Kratzer, um alles wieder aufzureissen. Der Verlust eines Kindes ist eine Wunde, die nie vollständig verheilen wird. Ganz egal wie viele Pflaster wir drüber kleben. Versuch lieber folgendes: “Was würde dir jetzt gerade helfen? Gibt es irgendetwas, das ich heute für dich tun kann? Ich bin bei dir, wann immer du mich brauchst.” - “Wenigstens hast du schon ein Kind.” – Ja, das habe ich. Aber soll das bedeuten, das mein lebendes Kind diesen Verlust kompensiert? Das kann es gar nicht und das ist auch nicht seine Aufgabe. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich ein gesundes Kind habe, aber mein Sternenkind fehlt mir trotzdem. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Es vergeht kaum ein Moment, in dem ich nicht daran denke, dass eigentlich noch ein Baby in meinen Armen liegen sollte. Versuch lieber folgendes: “Es tut mir so leid. Was hilft dir ihm nahe zu sein? Erzähl mir von ihm wenn du möchtest. Ich bin hier und höre dir zu.”
- “Wenigstens…” – Starte niemals einen Satz mit “wenigstens”, wenn du Eltern, die ihr Kind verloren haben, trösten möchtest.
“Wenigstens musste sie nicht leiden.”
“Wenigstens ist er so früh gestorben, so konntest du noch keine Bindung eingehen.”
“Wenigstens ist sie jetzt im Himmel.”
“Wenigstens hast du es schon sehr früh verloren.”
Wenn man ein Kind verliert, gibt es kein “wenigstens”. Niemals. Zu keiner Zeit. Vergleiche funktionieren hier nicht. Ganz egal wie alt, jung, krank, gesund, gross oder klein ein Kind ist – der Verlust tut IMMER weh. Versuch lieber folgendes: “Er/sie fehlt mir auch. Ich wünschte dein Kind wäre bei uns. Erzähl mir von deiner schönsten Erinnerung.” - “Du musst jetzt stark sein für dein lebendes Kind.” – Erinnere niemals verwaiste Eltern daran, dass ihr lebendes Kind sie jetzt braucht. Es ist uns absolut bewusst. Mein 2-jähriger Sohn war der einzige Grund, das ich jeden Morgen aufgestanden bin, mir die Jacke zugeknöpft habe und aus dem Haus gegangen bin. Zu mehr war ich aber Anfangs auch nicht fähig und ich habe mich ungeheuer schlecht gefühlt deswegen. Es hat Wochen gedauert, bis ich die Anwesenheit meines Sohn wieder voll geniessen und schätzen konnte. Versuch lieber folgendes: “Es muss so schwer sein für xy sorgen. Wenn du möchtest unternehme ich etwas mit ihm/ihr, damit du dich etwas ausruhen kannst?”
- “Er ist jetzt an einem besseren Ort.” – Ist das so? Welcher Ort ist schöner für ein Baby, als die Arme seiner Mutter? Was würde ich dafür geben mein Baby wieder bei mir zu haben. Bitte sag so etwas nicht, vor allem nicht, wenn du nicht weisst, ob die Person religiös ist oder nicht. Und selbst religiöse Menschen können ihren Glauben durch einen solchen Verlust in Frage stellen.Versuch lieber folgendes: “Es tut mir so leid für dich und dein Kind. Wenn du möchtest komme ich heute zu dir und helfe dir im Haushalt. Und wenn dir nach Reden ist, dann bin ich da und höre dir zu.”
- “Alles passiert aus einem bestimmten Grund.” – Nein. Falsch. Manchmal passieren die furchtbarsten, grausamsten Dinge den wunderbarsten, grossherzigsten Menschen auf dieser Erde. Und manchmal machen Dinge im Leben keinen Sinn. Manchmal gibt es einfach keine logische Erklärung. Ich kann verstehen, dass wir alle versuchen, in etwas so Sinnlosem wie dem Tod eines Kindes, einen Sinn zu finden. Aber seien wir doch mal ehrlich: Ein solches Ereignis macht einfach keinen verdammten Sinn. Kinder sollten NIEMALS von ihren Eltern beerdigt werden. Wir alle wünschen uns diese Welt sicher und vorhersehbar und das Wort “Kindsverlust” hält uns allen vor Augen, wie fragil unser Leben eigentlich ist. Einer Sternenmama zu begegnen, wird deine heile Welt zum wanken bringen und dein Herz wird vielleicht auch ein wenig brechen – vielleicht sogar mehr. Und das ist gut so. Lass es geschehen. Nur wenn wir unser Herz öffnen und den Schmerz herein lassen, können wir wirklich empathisch sein und Beistand leisten. Versuch lieber folgendes: “Es tut mir so leid. Es ist einfach nicht fair. Diesen Schmerz hast du nicht verdient. Es bricht mir das Herz dich so leiden zu sehen. Das ist absoluter Mist.”
- “Ich weiss wie du dich fühlst. Ich hatte auch eine Fehlgeburt.” – Anstatt deine eigene Geschichte zu teilen, lass diesen Moment den trauernden Eltern. Lenke nicht von ihren Gefühlen und ihrem Verlust ab. Es kann schmerzhaft sein wenn jemand versucht den Verlust zu vergleichen. Ein Kind zu verlieren ist eine ganz individuelle, einzigartige Erfahrung. Es gibt keine gleiche Geschichte, da jeder mit Trauer anders umgeht. Teile deine Erfahrungen nur wenn man dich darum bittet. Ansonsten höre einfach nur zu und sei da. Versuch lieber folgendes: “Ich bin mir nicht sicher, ob du es weisst, aber ich habe auch ein Kind verloren und kann gerne meine Erfahrungen mit dir teilen. Viel lieber würde ich aber gerne deine Geschichte hören und wie du mit deiner Trauer umgehst.”
- “Du bist so stark. Ich weiss gar nicht wie du das schaffst.” – Ich weiss nie was ich darauf antworten soll. Ganz ehrlich, ich weiss selber nicht wie ich es schaffe. Es ist ja nicht so als hätte ich viele Optionen. Was sollte ich auch sonst machen? Wir lernen damit zu leben. Bauen uns eine “neue Normalität” auf. Und an schwierigen Tagen, wenn die Last so schwer ist, dass man einfach liegen bleiben möchte, sind wir einfach nur froh, wenn wir diesen Tag überlebt haben. Versuch lieber folgendes: “Was tust du um deinen Verlust zu verarbeiten? Kann ich dich in irgendeiner Form dabei unterstützen?”
- “Hi, wie geht’s? Ich war gestern Pizza essen. Was hast du so gemacht?” – Ich kann damit umgehen, wenn jemand ganz offen und ehrlich sagt: “Ich weiss nicht was ich sagen soll.” oder “Ich habe Angst dir zu Nahe zu treten.”. Aber womit ich überhaupt nicht umgehen kann ist Ignoranz. Ich kann mich an jede Situation erinnern, in der ich von jemandem Trost erfahren habe. Und ich kann mich genau so gut an das unkomfortable Schweigen, die unsicheren Blicke oder das pure “nicht darüber sprechen wollen” erinnern und wie unverstanden ich mich dabei gefühlt habe. Mir ist es lieber es riskiert jemand ein falsches Wort, als es gar nicht erst zu versuchen. Als Mama eines Sternenkindes möchte ich, dass man meinen Verlust anerkennt, dass man mein Kind würdigt, es beim Namen nennt und ihm einen Platz in dieser Welt gibt, auch wenn er physisch nicht mehr anwesend ist. Seid mutig. Wir sind uns der dunklen Wolken über unseren Köpfen sehr bewusst. Auch, dass ein Gespräch mit uns schmerzhaft und unbequem sein kann. Aber wir sind jedem, der den Schritt wagt, auch so unglaublich dankbar. Versuch lieber folgendes: “Ich habe gehört was passiert ist. Es tut mir so leid. Möchtest du darüber reden?”
Ganz ehrlich, es gibt keine magischen Worte, die den Schmerz verschwinden lassen. Sei einfach da. Hör zu. Drücke deine Anteilnahme aus. Ich bin jedem unendlich dankbar, der den Mut aufbringt auf mich zu zugehen, der meinen Schmerz aushalten kann und mich auf meinem Weg ein Stück weit begleitet. Und manchmal reicht auch einfach nur eine Umarmung.
Zum Abschluss bin ich noch über folgendes Zitat von Angela Miller gestolpert:
“My child died. I don’t need advice. All I need for you is to gently close your mouth, open wide your heart and walk with me until I can see color again.”
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