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Die Angst vor dem Tod

Die Angst vor dem Tod – ein bisschen Selbstreflektion

Die erste Hausaufgabe in meiner Weiterbildung zur Trauerbegleiterin drehte sich um das Thema Sterben und ob wir Angst vor dem Tod haben. Ich kann ganz ehrlich sagen, dass ich Angst vor dem Tod habe. Grosse Angst sogar. Nicht nur vor meinem eigenen. Auch vor dem meiner Kinder, meinem Mann und meiner Familie. Der Gedanke an einen weiteren Verlust ist kaum zu ertragen. Oder das meine Kinder ohne Mama oder Papa aufwachsen müssen. Da zieht es mir alles zusammen. Meine Ausbilderin hat mich gebeten meine Ängste näher zu beschreiben und das hat mich nachdenklich gemacht. Angst ist etwas, über das ich nicht gerne rede. Zumindest nicht tiefer gehend. Ich weiss nicht warum. Weil mich die Leute dann für verrückt halten würden? Weil ihre Antworten mich nicht besser fühlen lassen würden? Vielleicht aus Angst, dass sie mich überrollt. Sie, die immer irgendwo in den Tiefen meiner Seele lauert. Obwohl „Tiefen“ wohl das falsche Wort ist. Vielmehr ist sie in Wartestellung, ganz nah unter der Oberfläche. Immer zum Sprung bereit. In vielen Momenten reicht einmal tief durch atmen und ich kann sie zurück in ihre Schranken weisen. Und doch gibt es immer wieder Momente, an denen ich das Gefühl habe, sie springt mir in den Nacken und drückt mir die Kehle zu. Wenn die Panik aufwallt und einem die Luft kurz wegbleibt. Wenn man das Gefühl nicht abschütteln kann, dass etwas Schlimmes passieren wird oder passiert ist. Wenn der Verstand einem sagt, dass das grad totaler Unsinn ist und dann immer wieder eine kleine Stimme fragt: „Und was wenn nicht? Du warst schon einmal die Statistik. Du kannst es wieder sein. Das war kein Freifahrtsschein.“ Es ist schwer zu ertragen und doch ist Ertragen und Aushalten, das Einzige, was ich machen kann.

Jeden Abend, wenn ich meine Kinder ins Bett gebracht habe, würde ich am liebsten alle 5 Minuten hinein zu ihnen gehen und schauen ob sie noch atmen. Wenn meine kleine Tochter sich längere Zeit in der Nacht nicht meldet, wird der Gang zum Kinderzimmer der Horror. Oder wenn sie plötzlich mal eine Nacht durchgeschlafen hat und ich mit riesem Schrecken aufwache. Diese Angst, sie leblos im Bett zu finden, ist lähmend. Und doch reisse ich mich irgendwie zusammen, halte aus und bleibe sitzen.
Wenn ich die beiden in die Krippe gebracht habe, schiesst mir manchmal die Frage durch den Kopf, ob ich sie jetzt grad zum letzten Mal küsse. Hab ich ihnen oft genug gesagt, wie sehr ich sie liebe? Sie sind doch wirklich in guten Händen oder? Und doch verdränge ich diese Gedanken schnell, versuche zu vertrauen und gebe ihnen noch einen extra dicken Kuss mit.
Wenn mein Sohn mit seinen Grosseltern im Auto mitfahren möchte. Würde ich am liebsten „Nein!“ sagen und ihn zu mir ins Auto schleifen. Aber ich weiss auch, dass meine Angst seine Freiheit nicht einschränken darf. Und so ertrage ich sie. Irgendwie.
Selbst wenn ich die Kinder bei ihrem Papa lasse, kommen immer wieder die schrägsten Gedanken. Was ist wenn er bergab ausversehen den Kinderwagen loslässt? Was, wenn mein Sohn plötzlich auf die Strasse rennt oder mit dem Roller vom Weg abkommt. Oder, wenn er irgendwo im Gedränge verloren geht. Ufff, Menschenansammlungen generell. Da habe ich Nachts schon Alpträume von. Dass ich einen Moment nicht Acht gebe und er verschwindet. Und doch gehe ich aus dem Haus, schlucke die Angst runter und hoffe, dass ich meine Kinder später wiedersehen darf.
Eine grosse Angst von mir ist auch, dass eins meiner Kinder vom Balkon fällt oder aus dem Fenster. Und ich hab keine Ahnung woher das kommt. Ich habe keine Höhenangst und mir ist auch nie etwas passiert. Aber die Angst, dass meine Kinder von irgendetwas abstürzen, ist riesig. Und doch wohnen wir im dritten Stock, mit einer riesen Terrasse, rund um die Wohnung und ich weiss jetzt schon, dass sie mich diesen Sommer wieder arg fordern wird. Wie war das: “Inhale courage, exhale fear!”?

Wenn ich mir das so durchlese, weiss ich wie verrückt das alles klingt. Und ich höre genau, wie viele mir jetzt sagen würden: „ Aber so was passiert dir doch nicht. Da musst du keine Angst haben. Das ist Quatsch.“ Nicht nur, dass es nicht hilfreich ist. Das Problem dabei ist, man hat mir auch gesagt, dass ich ein gesundes Kind auf die Welt bringen werde: „Dass Babys sterben passiert so selten. Das passiert dir schon nicht.“ Und doch ist es mir passiert. Ich bin zur Statistik geworden. Von einem Moment auf den anderen. Ich habe gelernt, dass die abwegigsten Dinge durchaus auch MIR passieren können. Und nur weil ich ein Kind verloren habe, heisst das nicht, dass ich jetzt meinen Soll bezahlt habe und mir nichts mehr passieren kann. Es ist schwer mit diesem Wissen und der daraus resultierenden Angst umzugehen. Ich hab da noch kein Rezept gefunden. Ausser, dass ich weiss, dass es OK ist. Auch wenn diese Ängste extrem mühsam sind, gehören sie zu mir und meiner Geschichte. Und natürlich wäre ich sie nur zu gerne los. Das wäre der Hammer. Aber irgendwie ist die Angst doch auch kongruent zur Liebe, die wir für unsere Familie empfinden. Umso mehr wir jemanden lieben, umso grösser ist doch auch die Angst vor dem Verlust, dieser Person. Vor dem Schmerz, diese Person vermissen zu müssen. Vielleicht sagt der eine oder andere von euch jetzt: “Du musst jeden Moment mit deiner Familie und in deinem Leben einfach geniessen! Als wäre es der letzte Tag.” Das sage ich mir auch immer. Geld und Arbeit sind furchtbar unwichtig. Was zählt ist nur die Zeit, die wir qualitativ mit unseren Liebsten verbringen. Aber ich weiss auch, das ganz egal wie sehr ich diese Momente geniesse und wieviele ich davon habe, sie wären im schlimmsten Fall einfach NIE genug.

 

 

 

 

Ein Brief an den Tod aus der “Capture Your Grief”-Reihe.

Capture Your Grief – Tag 23: Sterblichkeit

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