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Grosseltern Trauer

Die Doppelte Trauer der Grosseltern

Wenn Grosseltern um ihr Enkelkind trauern – von A.H. Oma von Lennis

„Als meine Tochter klein war, klebte ich ein Pflaster auf ihr aufgeschlagenes Knie, pustete darauf und alles wurde wieder gut. Eine schlechte Note, ein Streit mit ihrer besten Freundin oder der erste Liebeskummer – alles konnte mein Mutterzauber heilen.”

Am 6. Mai 2017 starb mein Enkel Lennis nur wenige Stunden nachdem er auf diese Welt gekommen war – überraschend und für uns alle unfassbar. Völlig unerwartet wurde ich von einem Moment zum anderen zu einer Sternenkind Oma oder verwaisten Oma. Da gibt es überraschend viele Bezeichnungen für mich im Internet. Und zum ersten Mal wurde mir bewusst, was es bedeutet wenn Grosseltern trauern.

Denn dieses Mal gab es kein Pflaster. Es gab nichts, gar nichts, womit ich den Schmerz meiner Tochter hätte lindern können. Es war, als hätte ich keine Arme, die ich um sie legen konnte, um sie zu halten. Als hätte ich keine Stimme, die etwas Tröstliches sagen konnte, um ihren Schmerz zu mildern. Es gab keinen Mutterzauber – nicht in dem Moment und auch heute nicht.

Schock und Verzweifelung

Zuerst war da nur der Schock, den ich nicht bemerkte, denn er kam in der Verkleidung von „Vernunft“ und „Realismus“. Natürlich wäre ein krankes oder behindertes Kind schlimm gewesen. Ein Leid, was keiner von uns hätte ertragen können. Und nur gut, dass er einfach beschlossen hat, zu gehen – er musste nicht leiden. Und ja, es ist gut so, dass es noch keine gemeinsamen Erlebnisse, keine Erinnerungen gibt… Diese Gedanken überdeckten den Schock und die Trauer erst einmal. Aber sie halfen nicht.

Und da war dieser kleine Junge, gerade 2 Jahre alt, der seiner verzweifelten Mama den Nuckel auf den Bauch legte, für das Brüderchen, das doch bald kommen sollte. Dieser kleine Kerl, der nichts verstand, nur spürte, dass alles furchtbar anders war und nicht wusste, was und warum. Ganz besonders für ihn musste ich funktionieren, Alltag erzeugen, ihn festhalten und liebhaben. Er, der nicht verstand, was um ihn herum passierte. Er tat mir so unendlich leid.

Oma Trauer

Meine eigene Trauer? Es gab sie nicht. Die hatte keinen Raum. Ich musste stark sein, für meine Tochter, ihren Mann und meinen ersten Enkel. Ganz besonders für ihn musste ich stark sein. Erst im Nachhinein reflektiere ich, dass dieses Leid und der Schmerz kaum zu ertragen waren.

Lennis war für mich immer nah. Bei der Aufbahrung spürte ich ihn im Raum Purzelbaum schlagen, uns Kusshände zuwerfen und sein schelmisches Augenzwinkern. Er hat sich unglaublich viel Mühe gegeben, sich bemerkbar zu machen und seiner Mama zu zeigen, dass es keinen Grund für Verzweiflung gibt. Er ist ja da und es geht ihm gut. Ich glaube, dass es auch für Lennis nicht einfach war, all das Leid sehen zu müssen.

Erst viel später wurde mir meine eigene Trauer schmerzhaft bewusst. Jeder Blogbeitrag meiner Tochter ließ mich unvermittelt in Tränen ausbrechen – ein unbekanntes tiefes und tränenreiches Weinen, von dem ich hinterher jedes Mal völlig erschöpft war. Ich begriff langsam, dass sich meine Trauer ihren Weg bahnte. Endlich und immer noch laufen die Tränen, wenn ich über kleine, viel zu früh gegangene Seelen lese und höre. Es ist der unerträgliche Schmerz meines Kindes und die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit. Und es ist die Erkenntnis, dass es Situationen im Leben gibt, die man nicht ändern kann. Ich musste sie als einen unabänderlichen Teil meines Lebens akzeptieren. Sie hat mich verändert und mir einen neuen Blickwinkel auf das gegeben, was mich umgibt und nicht zuletzt auch auf die Menschen darin. Viele meiner (vermeintlichen) Sorgen und Probleme haben sich in diesem Licht verändert. Ich habe neue Prioritäten und Maßstäbe gesetzt.

 

Trauern in der zweiten Reihe

Stirbt ein Kind, trauern oftmals die Grosseltern in doppelter Hinsicht. Der Schock und die Trauer um das verstorbene Kind stehen neben dem unerträglichen Schmerz des eigenen erwachsenen Kindes, den sie hilflos mit ansehen müssen. Sie übernehmen die Rolle der Unterstützer im Hintergrund. Dabei funktionieren sie lediglich und nehmen ihre eigene Gefühlswelt gar nicht wahr. Müssen sie doch jetzt stark für ihre Kinder sein und die Aufgaben übernehmen, für die deren Kraft nicht reicht. Ihre eigene Trauer geht dabei unter.

Wenn ein Kind stirbt, erfahren die verwaisten Eltern schnell eine Welle des Mitgefühls und der Fürsorge. Es gibt glücklicherweise viele Möglichkeiten der Unterstützung, des Auffangens und der Trauerbewältigung. Anderen Familienmitgliedern, wie uns verwaisten Grosseltern, hingegen wird im sozialen Umfeld die Trauer nicht in dem Ausmass zugestanden. Sie dürfen traurig sein. Aber nur im Moment des Berichtens, danach möchten sie doch lieber in den Alltag zurückkehren. Schließlich war es ja nicht ihr Kind, sondern nur ihr Enkel. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass es für sie kaum Angebote zur Trauerbewältigung gibt.

Ob Sternenkind Großeltern überhaupt solche Möglichkeiten suchen? Ich weiß es nicht. Ich habe es nicht getan. Warum nicht? Weil ich mein Funktionieren als Pflicht und Selbstverständlichkeit sah. Es kam mir einfach übertrieben vor, mir Hilfe zu suchen, denn ich war eben „nur“ die Großmutter. Den Schmerz erlitten meine Tochter und ihre Familie. Meine Trauer kann und darf ich damit nicht vergleichen. Ich glaube, dass ich unterschwellig der Meinung war, dass ich, als starke Mutter und Großmutter, kein Recht dazu hatte, mich meiner Trauer hinzugeben.

verwaiste Grosseltern trauern doppelt

Trauer kann man teilen

Die Trauer, die ich erlebt habe, war wie ein Strudel, der mich unter Wasser hielt. Unterstützen, Hilflosigkeit und Ohnmacht ließen mich um mich selber kreisen, ohne zum Licht zu kommen und ohne Luft zum Atmen. Ich habe nichts davon gespürt. Später merkte ich, dass mich der Strudel längst losgelassen hatte. Aber ich hatte Licht und Luft verdrängt und einfach immer weitergemacht.

Ich weiß nicht, wie es anderen betroffenen Familienangehörigen damit geht oder gegangen ist, was ihnen geholfen hat oder was sie gebraucht hätten. Mit meinen Erfahrungen weiss ich heute, dass man Trauer teilen kann und dass es dazu Menschen braucht, die einen geschützten Raum für diesen Schmerz geben und ihn aushalten können. Und diese Menschen sind wir, die verwaisten Großeltern, Geschwister, Onkel oder Tanten, die wissen, wie schwer es ist, Trauer zuzulassen und durch sie hindurch zu gehen. Vielleicht sollten wir einen ersten Schritt machen und auf die zugehen, deren Trauer unser Verständnis braucht.

 

Die Trauer darf gehen – was bleibt ist die Liebe

Trauer ist der Preis, den wir für unsere Liebe bezahlen. Die Liebe vergeht nicht mit dem Tod des Kindes. Sie wird, genau wie das Kind, immer ein Teil von uns bleiben und uns begleiten, wohin auch immer wir gehen. Und das ist ein sehr tröstlicher Gedanke.

A.H. Oma von Lennis

Lennis´ Geschichte

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6 Comments

  • Anonymous

    Ob am Abend, oder morgens, oder am Friedhof oder sonst wo, die Sehnsucht nach unserm Kleinen Emil übermannt mich immer wieder. Es ist geschehen,er durfte nur 14 Tage auf Erden sein und wir müssen damit umgehen lernen. Ist ganz schlimm,aber das Leben muss weitergehen. Wir arbeiten alle daran, mit diesem traurigen Ereignis umzugehen. A.I. Oma von Emil Marius.

    • Anonymous

      Dieser tiefe Schmerz im Herz wird ewig sein denn er ist die Tiefe Liebe die man bis zum letzten Tag im Herzen trägt!Oma von Philipp

  • Anke krok

    Ich durfte meiner Tochter bei der Geburt ihres Sternenkind Marijan zur Seite stehen.In 26 SSW. tot geboren wog unser Engel 610g und war 32cm klein.Ich bin dankbar für die Stunden die wir ihn bei uns haben durften und dankbar für die Bilder der Sternenfotografin.Wir haben den Kleinen beim Uropa beigesetzt und ich besuche fast täglich sein Grab.Zu Hause brennt immer ein Kerze für ihn.Er ist immer in unserem Herzen.Es ist schlimm dem eigenen Kind den Schmerz und die Trauer nicht nehmen zu können aber es hat unsere ganze Familie noch viel näher zusammengerückt.Wir sind füreinander da , wir weinen zusammen aber wir schauen auch gemeinsam nach vorne.

  • Anonymous

    Auch ich bin eine Oma von einem kleinen Engel.Er war nur kurze Zeit bei uns (knapp 4 Monate).Ich denke jeden Tag an ihn,der Schmerz ist groß und in meinem Herzen wird er weiter Leben.

  • Karen Martini

    Auch ich bin eine verwaiste Oma. Wir durften unsere kleine Maus 25 Monate begleiten. Meinem Mann und mir bricht es jedesmal das Herz, wenn wir vor Lottas Grab stehen. Es ist jetzt 2 Monate her, aber es fühlt Sichuan, als wäre Lotta erst gestern gegangen. Karen Oma von Carlotta

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