16 Fakten über Trauer, die ich gerne vorher gewusst hätte

Wie schwer es die Trauer doch hat. Keiner will über sie reden. Die Menschen scheuen sie, wie Katzen das Wasser. Niemand möchte sie erleben und doch ist ihr früheres oder späteres Auftreten genauso gewiss, wie unser eigener Tod. Irgendwann wird sie in unser Leben eintreten. Doch obwohl wir das wissen, ist kaum einer vorbereitet. Ich war es definitiv nicht. Weder auf den Tod meiner lieben Oma, noch auf den Tod meines Kindes oder den meines geliebten Opas. Jede Trauer war anders und jede auf ihre eigene Art und Weise überraschend. Ich wünschte, ich wäre vorbereitet gewesen. Ich wünschte, ich hätte einige Dinge gewusst. Es hätte mir so manches schlechtes Gewissen und Zweifel an mir selber erspart und mir einen natürlicheren Umgang mit dem Tod und der Trauer ermöglicht. Daher habe ich hier für euch eine Liste mit 16 Fakten über Trauer, die ich gerne vorher gewusst hätte. Nummer 1: Man kommt über die Trauer nicht hinweg Natürlich ist die Trauer besonders am Anfang überwältigend. Sie nimmt einem die Luft und es scheint kein Licht am Ende des Tunnels. Aber viele Menschen denken, dass man irgendwann darüber hinweg ist und weiter macht. Was die wenigsten wissen – man trägt immer einen Teil der Trauer mit sich. Und das ist okay. Man liebt die Person, die man verloren hat. Man vergisst sie nicht oder hört auf sie zu vermissen. Mit der Zeit lernt man mit dem Schmerz und der Sehnsucht zu leben, aber man kommt nicht darüber hinweg. Es kann immer wieder Tage geben, an dem das Vermissen stärker ist und die Sehnsucht mehr schmerzt. An Geburtstagen, Familienfesten, Todestagen… Tage, an denen man wieder ganz besonders merkt, dass ein Platz am Tisch immer leer sein wird. Nummer 2: Die Menschen in deiner Nähe meinen es gut, aber sie werden doofe Dinge sagen “Ich weiss genau, wie du dich fühlst.” “Die Zeit heilt alle Wunden.” “Du musst jetzt stark sein.” “Alles passiert aus einem guten Grund.” Das sind die Klassiker. Die Liste kann noch sehr lange so weiter gehen. Diese Worte sind gut gemeint und kommen doch oft so schief rein. Was dahinter steckt, ist die Sorge um die Trauernden und das Nicht-aushalten-Können ihres Schmerzes. Es ist der unbeholfene Versuch, den traurigen Gefühlen etwas Positives entgegenzusetzen – abzulenken von dem, was unaushaltbar scheint. Diese Sätze tun weh. Sie helfen nicht. Und doch könnten wir uns vielleicht daran erinnern, dass sie in den seltensten Fällen böse gemeint sind und meistens Hilflosigkeit dahinter steckt. Wenn wir nicht wissen, was wir sagen sollen, dann bedienen wir uns der Floskeln, die wir schonmal gehört haben – bei unseren Eltern, Grosseltern, im Fernsehen etc. Es wird noch dauern, bis solche Sätze aus unserem Sprachgebrauch verschwinden und die Menschen lernen, dass nichts über den Tod eines geliebten Menschen hinweg tröstet. Es tut einfach weh. Was es braucht sind Menschen, die Armen, Ohren und Herzen offenhalten, den Schmerz aushalten und den Weg ein Stück begleiten. Nummer 3: Trauer hat eine eigene Zeitrechnung – Davor und Danach Wer einen geliebten Menschen verliert weiss, dass sich das Leben ganz plötzlich in zwei Zeitspuren teilt: das Davor und das Danach. So gerne möchte man zurück ins Davor. Aber da führt kein Weg hin. Nichts ist mehr wie es einmal war. Nicht das Leben und nicht die trauernde Person. Normal gibt es nicht mehr. Und das ist schwer anzunehmen. Für die Person selber, aber auch für unser Umfeld. Wer es nicht selbst erlebt hat, mag dann schnell denken “Naja, irgendwann wird alles wieder normal.”. Aber wie können wir “normal” definieren, wenn nichts mehr ist, wie es einmal war? Es bleibt nur, sich ein neues “Normal” aufzubauen, in dem wir Schritt für Schritt dem Weg ins Danach folgen. Dieser Prozess braucht Zeit, Arbeit, Geduld und Mitgefühl. Nummer 4: Trauer ist keine Schwäche “Du musst jetzt stark sein.” Ein Satz, den trauernde Menschen oft hören. Stark sein für die Kinder, für die Mutter, den Partner, die Partnerin etc. Doch was impliziert der Satz eigentlich? Das Trauer eine Schwäche ist und ich nicht schwach sein darf? Aber Trauer hat nichts mit Schwäche zu tun. Trauer ist eine ganz normale Reaktion auf einen schmerzhaften Verlust und die braucht Zeit, Geduld und Menschen, die einen in dieser Zeit tragen, ohne Druck zu machen. Nummer 5: Trauer ist ein unbequemes Thema in der Gesellschaft Wir leben in einer Welt, die am liebsten alles perfekt haben möchte – Friede, Freude, Eierkuchen mit Regenbögen, Einhörner und ein bisschen Glitzer. Emotionen wie Traurigkeit, Wut, Neid, Angst etc. haben da wenig Platz. Der Schmerz eines anderen löst auch Schmerz im Gegenüber aus und zeitgleich meistens Hilflosigkeit. Da fehlen Worte, man versucht abzulenken oder schnellstmöglich zum nächsten Thema zu wechseln. Das tut weh und kann frustrieren. Aber es liegt nicht an dir. Wir alle haben Angst jemanden, den wir lieben, zu verlieren und können erahnen, wie es sich anfühlen würde. Diesen Schmerz sich auch nur vorzustellen kann schon Angst machen und ist schwer auszuhalten. Es ist einfacher das Thema zu meiden. Helfen tut das allerdings niemandem. Nummer 6: Freundschaften ändern sich Der Verlust eines Menschen ändert alles. Auch die Beziehungen zu den Menschen um uns herum. Einige Freundschaften werden sich verengen. Andere enttäuschen uns mit Reaktionen, die wir nicht erwartet hätten oder der Abwesenheit jeglicher Reaktion. Das ist okay. Viele bezeichnen das als die “Säuberung ihrer Freundesliste” und das sie so gemerkt haben, wer wirklich Freund ist. Und dann sind da noch die Menschen, die auf einmal näher rücken, obwohl man es von ihnen am wenigsten erwartet hätte. Da ist vielleicht die Nachbarin, die man vorher immer nur gegrüsst hatte und die jetzt genau die richtigen Worte und Taten findet. Ein stiller Arbeitskollege, ein völlig Unbekannter… Es ist okay enttäuscht zu sein über die, die sich entfernen. Aber die Tür steht auch offen für wundervolle, berührende neue Freundschaften und Menschen, die einen in der grössten Trauer unbekannterweise halten können. Nummer 7: Die Tage und Wochen vor Geburts-und Todestagen sind meistens schwerer als der Tag selber Es beginnt meist einige Zeit vorher. Eine unsichtbare Schwere legt sich auf den Körper und die Gedanken. Die Haut wird dünner und durchlässiger. Die Tränen sitzen lockerer und die Gedanken beginnen zu wandern. Immer öfter erwischt man sich verloren in Erinnerungen und der Schmerz und das Vermissen werden von Tag zu Tag grösser. Die Wellen der Trauer schlagen wieder höher und man fragt sich, was eigentlich los ist. Man war doch schon so viel weiter und jetzt fühlt man sich wie zurück geworfen auf Feld 1. Genauso steigen auch Sorge und Angst vor dem Tag X. Man fragt sich vielleicht, wie es wohl an dem Tag erst sein wird, wenn es sich Wochen vorher schon so schlimm anfühlt. Spannenderweise ist es meistens so, als ob am Tag selber all das, was sich angesammelt hatte, wie von einem abfällt. Es ist ein Tag, an dem unser so sehr vermisster Mensch nochmal extra viel Aufmerksamkeit bekommt. An dem wir ihm gedenken und ihn ehren können. Überlegt euch ein schönes Ritual, plant den Tag ein wenig vor und tut nur das, was sich für euch wirklich gut und richtig anfühlt. Geht in den Wald oder legt ein Mandala aus Hölzern und Blumen, macht ein Feuer, zündet Kerzen an und schickt Wünsche in den Himmel, etc. So ein Tag lässt sich neben dem Vermissen auch mit ganz viel Liebe füllen. Nummer 8: Trauern ist genauso anstrengend für den Körper wie ein Marathonlauf Trauer hat Auswirkungen auf jede Faser unseres Körpers, physisch und psychisch. Sie ist so anstrengend wie ein Marathonlauf – nur täglich. All die Emotionen erschöpfen einen in die Schlaflosigkeit. Wenn du es an einem Tag nur zum Zähneputzen schaffst, ist das OK. Für andere mag das trivial erscheinen. Aber ich weiss, wieviel Kraft es dich gekostet hat aus dem Bett zu steigen. Hab Mitgefühl und Verständnis mit dir selber. Gib dir Zeit. Du bist okay, so wie du grad bist, mit dir und deiner Trauer. Nummer 9: Manchmal möchte man am liebsten rausschreien, dass man einen geliebten Menschen verloren hat Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist es als ob die eigene Welt auf einmal stehengeblieben ist, während sich die der anderen einfach weiterdreht. Als wäre man aus dem täglichen Hamsterrad ausgestiegen und beobachtet nun, wie alle einfach weitermachen, als wäre nichts passiert. Der Alltag kann so unerträglich werden, wenn man selber keinen mehr hat. Da kann man schon mal im Supermarkt stehen und am liebsten einmal laut rausschreien wollen, was einem passiert ist. Einfach nur, damit alle anderen auch mal kurz innehalten. Nur für einen Moment. Das ist okay und so verständlich. Es braucht Zeit bis sich die eigene Welt wieder in einem ähnlichen Tempo weiterdreht, wie die der anderen. Bis man die Geschwindigkeit des Alltags anderer wieder aushalten kann. Begegne dir auch in solchen Momenten wieder mit Mitgefühl und Verständnis. Nummer 10: Die Trauer lauert in den unmöglichsten Ecken Die Trauer ist die Meisterin des schlechten Timings. Da funktionierte man schon einige Tage nacheinander wieder einigermassen und dann schlägt sie in Gang 3 im Supermarkt plötzlich zu. Da wo der Lieblingswein steht, die Babykleidung hängt, ein bekanntes Parfüm in der Luft schwebt oder das Lied von der Beerdigung durch die Lautsprecher dringt. Schon schmerzt das Herz wieder, laufen die Tränen, möchte man am liebsten schluchzend im Erdboden versinken. Und man fragt sich, warum man gerade wieder gefühlt am Anfang steht – zurück auf Feld 1. Aber das bist du nicht. Trauer hat keinen festen Rhythmus. Sie kommt und geht. Mal härter, mal sanfter. Mal dauert es nur wenige Minuten, mal ein paar Tage. Fünf Schritte vor, zwei zurück, drei nach links und so weiter. Aber nach all dem, was du bisher geschafft hast, kannst du darauf vertrauen, dass auch diese Welle wieder vorbeiziehen wird. Du hast gelernt zu schwimmen. Lass dich treiben und mitnehmen. Nummer 11: Du bist nicht verrückt Die Trauer ist ein bunter Mix aus den verschiedensten Emotionen. Viele denken, man ist einfach “nur” traurig. Dabei kommt die Trauer mit so vielen anderen Gefühlen einher. Vielleicht steigen dir in dem einen Moment die Tränen in die Augen, im nächsten verfluchst du dein Schicksal, du schreist und stampfst wütend auf. Nur um dann das scheinbare Glück der anderen zu beneiden, in einer Panikattacke zu enden und wieder ein heulendes Häufchen Elend zu sein. Dieses Gefühlschaos ist so anstrengend. Vielleicht fühlst du dich wie ein Zombie, der mit tonnenschweren Beinen durch Treibsand läuft. Es ist okay. Du bist nicht verrückt. Ich verspreche dir, es wird vorübergehen, wenn du dir Zeit für all deine Emotionen nimmst. Wenn du sie annimmst anstatt sie wegzudrücken. Nummer 12: Das erste Jahr muss nicht unbedingt das härteste sein Vielleicht wünschst du dir manchmal eine Fernbedienung, mit der du dich einfach durch dieses verflixte erste Jahr vorspulen könntest. Sie sagen ja überall, dass das erste Jahr das schlimmste ist. All diese Meilensteine, die man ohne seinen vermissten Menschen meistern muss. Und dann kommt das zweite Jahr und all diese Meilensteine sind immer noch da und sie tun immer noch verdammt weh. Vielleicht sogar noch etwas mehr, weil die Realität schmerzhaft klarer ist und der Nebel der Anfangstrauer sich langsam gelichtet hat. Manchmal ist das zweite Jahr schlimmer als das erste oder das dritte Jahr schlimmer als das zweite. Die Trauer ist eine Meisterin der Tarnung. Sie erscheint in unerwartetem Gewand, wenn man sie am wenigsten erwartet. Nummer 13: Die Freude wird in dein Leben zurückkehren Vielleicht möchtest du das jetzt gerade überhaupt nicht hören. Vielleicht stehst du noch ganz am Anfang deiner Reise, wo der blosse Gedanke an Glück und Freude dich abstösst. An diesem Punkt bitte ich dich, mir zu vertrauen. Auch ich stand an diesem Punkt. Ich dachte, ich würde nie wieder lachen. Ich dachte mein Leben wäre ab jetzt nur noch gefüllt von Trauer, Schmerz und Sehnsucht. Es gibt auch heute noch ab und an solche Tage. Aber es sind mittlerweile auch viel mehr Tage, an denen ich glücklich bin. An denen Freude und Stolz wieder Licht in mein Leben bringen. Es braucht einfach Zeit und den Mut, die Dunkelheit einzuladen und auszuhalten, bis … 16 Fakten über Trauer, die ich gerne vorher gewusst hätte weiterlesen