Wenn die Angst lähmt – Interview mit einer Sternenmama

Angst Trauer

Geschrieben von Franzi

19. Februar 2021

Diesen Monat dreht sich bei mir alles um das Thema Angst in der Trauer. Ein Thema, über das gar nicht so viel gesprochen wird. Dabei kommt es in meinen Begleitungen und in gesprächen mit Trauernden immer wieder zur Sprache. Vielleicht wohnt dem Ganzen eine gewissen Scham inne. Angst ist ein Gefühl, das in der Gesellschaft eher negativ behaftet ist. Wie oft haben wir schon als Kinder den Satz „Jetzt hab doch keine Angst!“ gehört. Ich möchte dir gerne zeigen, dass du mit deinen Ängsten nicht alleine bist. Dafür durfte ich eine liebe Freundin und Trauer-Weggefährtin interviewen – die liebe Vera. Sie ist sogar die erste Sternenmama, die ich nach dem Verlust von Lennis kennenlernte. Vera hat 2013 ihre zweiten Sohn am Pottersyndrom noch im Mutterleib im 7. Schwangerschaftsmonat verloren. Der Verlust ihres kleines Sohnes und die traumatische Geburt, bei der ihre Gebärmutter riss, haben tiefe Spuren hinterlassen. Heute spricht sie mit uns über die poststraumatischen Ängste, sie sie körperlich und emotional an den Rand ihrer Kräfte brachte. 

Vera, was hast du nach dem Verlust von Jens gemacht? Was ist danach passiert?

Ich hatte ja eine Notoperation gehabt und war gerade frisch aus dem Spital gekommen. Wir sind dann auf eine Weltreise gegangen. Eigentlich wollte ich das gar nicht. Ich hatte da schon Angst. Zu der Zeit war es vor allem die Angst um meinen erstgeborenen Sohn. Angst, dass ihm etwas passieren könnte. Ich habe gewusst, ich kann ihn vor jedem bissigen Hund beschützen. Davor hatte ich keine Angst. Aber ich hatte Angst, ich könnte ihn vor einer Mosquito nicht beschützen. Wir wollten nach Asien, wo vor allem das Dengue-Fieber eine grosse Gefahr war und daher wollte ich nicht mehr gehen. Mein Mann hat das nicht akzeptiert. es war lange geplant und für ihn war klar, wenn gesundheitlich nichts dagegen spricht, dann gehen wir. Ich bin dann zu einer Psychiologin gegangen und sie hat mir dann gesagt: „Lass dich nicht von deinen Ängsten in deinem Radius einschränken.“ Da ist mir bewusst geworden, dass mich die Angst nicht hindern darf und ich habe ihren Satz als ganz pragmatische Handlungsanweisung betrachtet. Wir haben uns dann ein Mosquitonetz gekauft und sind los.

Auf dieser Reise haben wir eigentlich alles evrdrängt bzw. sind wir einfach mega erschöpft gewesen. Wir waren in Sri Lanka und haben eine Speicherplatte mit 2000 Filmen mitgehabt. Weil wir so elendig müde gewesen sind, haben wir einfach jeden Abend unterm Mosquitonetz seichte Filme angeschaut. Wir wollten verdrängen und uns mit positiven Gefühlen umgeben.

So haben wir die ersten Monate nie darüber geredet. Ich habe auch mit niemand anderem darüber geredet. Es hat auch niemand gewusst. Nach dieser sechs monatigen Reise, sind wir dann wieder zurück und ich habe langsam angefangen, mit anderen darüber zu reden, z.B. wenn die Frage kam, wieviel Kinder ich hätte. Leider haben die Leute jedesmal so zutiefst schockiert reagiert, dass ich mich eigentlich grad wieder zurückgezogen habe.

Wie ging es dann in der Schweiz weiter?

Als wir zurück in die Schweiz gekommen sind, musste ich nochmal operiert werden. Der Gebärmutterriss war noch nicht gut verheilt. 

Nach der Operation sind wir wieder auf Reisen gegangen. Diesmal mit dem Wohnmobil durch Europa und da haben dann die ersten Symptome so richtig angefangen – also posttraumatische Symptome. Also körperlich hatte ich sie schon nach der Geburt gehabt, aber jetzt kamen vor allem psychische dazu.

Was waren das für Symptome?

Also das erste was ich damals schon im Spital bemerkt habe, war, dass ich mich im Spiegel nicht mehr erkannt habe. Ich hatte einen ganz anderen Gesichtsausdruck und ich hab den einfach nicht erkannt. Jedesmal, wenn ich den Spiegel egschaut habe, hab ich mich erschrocken. Auch auf vielen Fotos aus Asien, sah ich einfach anders aus. Ich hab mich nicht erkannt. Heute, im nachhinein, sehe ich das nicht mehr, was ich damals gesehen habe, bis auf ein Foto – da sehe ich es heute noch.

Dann habe ich wie kleine Nervengewitter erlebt. Ich bin plötzlich rot geworden und es hat sich angefühlt, als hätte ich tausende kleine Nägelstiche im Gesicht. Das kam und ging nach ein paar Sekunden wieder. Ausserdem hatte ich Schlafstörungen, ein Engegefühl in der Brust und so eine intensive innere Nervosität. Ich war innerlich wie immer am Rennen gewesen und bin einfach nicht zur Ruhe gekommen.

Später hatte ich dann Schmerzen in der Brust, immer in der Linken. Ich habe dann angefangen sie immer wieder  abzutasten und umso mehr ich tastete, umso mehr tat sie mir natürlich weh. Ich hatte so Angst, dass ich todsterbens krank bin, dass ich Brustkrebs habe.

Die Ängste sind immer quälender geworden. Ich habe mich zum Teil so deprimiert gefühlt und mich gefragt, was eigentlich los ist. Es war eigentlich alles soweit wieder „gut“. Die körperlichen Wunden waren verheilt, es waren sechs Monate vergangen, meinem grossen Sohn ging es gut und wir waren auf dieser Reise. Ich habe es nicht verstanden. Die Angst vor dem Tod war einfach so gross. Ich war überzeugt, ich würde sterben bzw. ich bin schon am sterben.

Ich habe dann zu meinem Mann gesagt, dass ich zu einem Arzt müsste, zu einem Psychiater. Ich wollte Medikamente, da ich so nicht leben konnte. Wir waren aber immer noch auf dieser Reise und ich hatte kein Internet. Erst auf der Fähre von Frankreich nach England konnte ich googlen. Ich dachte, es müsste ja irgendeinen Zusammenhang geben und da stiess ich auf posttraumatische Symptome. Ich las auch, dass sie verzögert kommen können. Vor allem die Ängste. Und das hat mir wie eine Linderung gegeben. Es hat mir wie eine Erklärung gegeben und das ich vielleicht doch nicht sterben müsste. Das ich das so kognitiv einkreisen konnte, hat mir dann schon viel geholfen.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe dann festgestellt, dass ich schon lange kein Yoga mehr gemacht hatte, obwohl ich schon lange Yoga-Lehrerin war. Also habe ich wieder angefangen und habe morgens und abends meine ganz eigene Yoga-Einheiten gemacht. Es waren immer dieselben Übungen, immer derselbe Ablauf, dieselbe Musik. Die Musik war für mich dabei ein ganz wichtiger Punkt. Sie hat dabei so viel aktiviert in mir und meine Nerven beruhigt. Dieses ganz bewusste herantasten an das Erlebte und das Zuwenden zur Trauer und diesem Schicksal, ist für mich wie ein Ritual geworden, ja fast ein Gebet. Beim Yoga konnte ich mich in meinem Tempo all den Gefühlen widmen und dann ist es relativ schnell besser geworden. Die körperlichen Symptome sind recht schnell verschwunden. Ich hatte dann auch auf dieser Fähre gelesen gehabt, dass Kaffe nicht gut ist und habe dann auch darauf verzichtet. Dadurch konnte ich besser schlafen und das Engegefühl hat sich gelöst.

Also die vordergründigen Symptome sind innerhalb kürzester Zeit vergangen. Was aber hartnäckig geblieben ist, war die Angst. Die habe ich dann versucht kognitiv anzugehen. Wenn sie wieder zu heftig wurde, bin ich dann einfach zum Arzt gegangen und habe mich untersuchen lassen. Ich bin auch ins Unispital und habe mich dort gynäkologisch durchchecken lassen. Das Verstehen bzw. Wissen, dass ich gesund bin, hat mir dann wieder geholfen  und beruhigt und ich konnte weiter mit dem Yoga auf körperlicher Ebene arbeiten. Aber es ist hartnäckig geblieben. Es ist sicher fünf Jahre gedauert, bis sie fast gar nicht mehr da war. Vor allem bei Stress flammte sie auf und dann war wieder meine Strategie zum Arzt zu gehen und mich untersuchen zu lassen.

Vielleicht hätte ich damals auch noch beruflich etwas zurücktreten sollen. Ich merke das jetzt in Corona. Ich habe viel mehr Ruhe und Zeit für mich und das tut mir so gut. Es braucht wie den Raum, damit auch neues entstehen kann, wie zum Beispiel meine Ausbildung zur Yoga Therapeutin.

Hast du dich deiner Angst auch ein Stück weit zugewendet?

Ich glaube ich habe Yoga vorher nie mit so viel Achtsamkeit und so einem tiefgehenden Grundton praktiziert. Es war eigentlich die Angst, die mich dazu genötigt hat. Ich hab gewusst, ich muss ihr irgendwie begegenen, denn an komme ich nicht vorbei. Ich glaube dadurch, dass die Angst mich so in diese Yogapraxis getrieben hat, ab dem habe ich erfahren können, welche tiefe Heilungskraft im Yoga liegt. Es hat mich fast erschrocken, denn ich war ja schon Yoga Lehrerin.

Das war für mich eigentlich auch der Beginn für posttraumatisches Wachstum. Yoga ist zu meiner Berufung geworden. Hätte ich das nicht erlebt, könnte ich Yoga so heute nicht weitergeben. Und die Angst war da die treibende Kraft, mein Enabler sozusagen.

Du bist ja dann nochmal schwanger geworden. Wann war das?

Das war so ein Jahr danach.

Und wie war das für dich?

Ich glaube meine Hebamme hat eine zentrale Rolle gespielt, dass meine Angst nicht so gekommen ist. Sie sind schon da gewesen, aber meine Hebamme hat es immer wieder geschafft, mir die Angst zu nehmen. Ich hatte gar keine andere Chance gehabt, als mich ganz auf sie zu verlassen. Sie hat mir die Hand geboten und ich habe sie grad gegriffen. An der Hand  habe ich mich immer festgehalten. Sie hat mir immer wieder gesagt, dass alles gut gehen wird und das Kind ein, ein Mädchen, gesund auf die Welt kommen wird. Selbst als sich in der 20. SSW die Plazenta ein Stück gelöst hat und ich mit starken Blutungen ins Spital mussten, war meine Hebamme sofort da. Sie war ein ganz wichtiger Faktor und sie lag zumindest in zwei DIngen richtig: unser Kind ist auf die Welt gekommen und war gesund. Allerdings war es ein Junge…

Ich glaube auf meine eigenen Ressourcen hätte ich in der Schwangerschaft nicht zurück greifen können. Auch nicht auf Yoga. Es war zu fragil, als das ich aus meiner inneren Kraft hätte schöpfen können. Es gab ja auch einiges das gegen eine gute Schwangerschaft gesprochen hätte – meine zerfetzte Gebärmutter zum Beispiel. Aber weil meine Hebamme so sicher gewesen ist, konnte ich mich an ihr festhalten.

Gibt es etwas, das du Betroffenen mitgeben möchtest?

Für mich ist die Angst ein ganz zentraler Treiber gewesen in die handlungsfähigkeit zu kommen. Ich würde anderen Betroffenen mit auf den Weg geben, sich von der Angst nicht lähmen zu lassen und sich stattdessen von ihr bewegen zu lassen. Die Angst sollte nicht etwas sein, dass dich hindert oder abhält. Du musst sie bewegen und ihr weitergehen. Und da sind wir wieder bei der Bewegung. Bei mir ist es der Weg über den Körper gewesen. So ein Verlust ist ein Trauma und dieses Trauma muss man aus dem Körper bringen, um einen wirklichen Zugang zu seinen Gefühlen zu bekommen. Und das muss nicht unbedingt Yoga sein. Das kann irgendetwas sein. Die Trauer musst du auf mehreren Ebenen angehen. Zum einen durch Gespräche aber eben auch durch den Körper. Dann kannst du wieder in Kontakt kommen mit deinen Gefühlen und Emotionen, auch wenn sie schmerzhaft sind. Der Trauerprozess ist der Beginn von der Heilung.

Angst Trauer

Vera Meniconi ist Mama von drei Jungs. Zwei darf sie an der Hand halten, ihren Jens trägt sie fest im Herzen. Sie ist Yoga-Lehrerin und betreibt ihr eigenes Studio „Yoga Sivananda“ in der Schweiz.

Yoga Sivananda ist eine Oase der Ruhe und des inneren Gleichgewichts. Vera weiss, was es heisst, durch die Herausforderungen der Trauer gehen zu müssen und baut dies liebevoll und mit viel Feingespür in ihre Yoga-Stunden mit ein.

Ihr achtsames und fein auf dich abgestimmtes Yoga kann dir helfen, dich zu spüren und dich auf Deiner Trauerreise mit all ihren Emotionen unterstützen.

Mehr Infos über Kurse und Privatlektionen (auch via Zoom) findest du hier: https://www.yoga-sivananda.ch/

 

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Angst in der Trauer

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